27. Dezember 2021

Neue Fußball-Kathedrale für Inter und Milan

Rot illuminierte Fassaden für den AC Mailand. (Foto: Pressefoto nuovostadiomilano.com)

Autorenbeitrag von Tilmann Meuser

Es war am Mittwochabend, dem 18. September 1985, als ich zum ersten Mal die Mailänder Oper des Fußballs sah, die mich dann für einige Stunden in ihren Bann zog. Wie in jedem Jahr war ich mit fußballverrückten Freunden im Wohnmobil Mitte September unterwegs, um irgendwo im Süden Europas ein Fußballspiel anzuschauen. Heute nennt man das „Groundhopping“ und ist hip! Damals hat uns die soziale Umgebung für vollkommen verrückt erklärt. Wir hatten im Rahmen unserer Touren die Bayern mit einem 5:1-Sieg gegen Real Madrid gesehen und nach der ersten Meisterschaft des SSC Neapel den Saisonauftakt von Fußballgott Diego Maradona im Stadion St. Paolo gegen Ascoli, wo sein Bruder Hugo spielte.

Zurück nach Mailand: Nach gut 20 Stunden Fahrtzeit im umgebauten Mercedes-Postbus kamen wir in der Hauptstadt der Lombardei an. Die Navigation erfolgte per Autoatlas mit gemarkerter Route, unendlichen Diskussionen und nach dem Prinzip Trial & Error. Das Stadion war aber leicht zu finden. Rund um das „alte Meazza“ im Stadtteil San Siro, das kurz vorher seinen Namen nach einem Fußballer erhielt, versuchten wir für unser Wohnmobil einen Parkplatz zu finden. Vergeblich! Bis wir wieder auf die Stadtautobahn gelangten, die direkt neben dem Stadion liegt. Der Verkehrt stockte. Und plötzlich ging gar nichts mehr: Stau! Aber es war gar kein Stau. Es war unser Parkplatz, wie wir gleich bemerkten. Denn alle Fans parkten ihre Autos einfach mitten auf der Autobahn: auf dem Standstreifen, auf der linken Fahrspur und auf der Überholspur. Unfassbar für deutsche Verhältnisse!

Seltene Momente im Meazza-Stadion: Rummenigge und Brady als erfolgreiche Achse

Ach ja, Inter Mailand spielte in der ersten Runde des UEFA-Cups, der heutigen Europa-League, im Hinspiel gegen Otmar St. Gallen aus der Schweiz, heute der FC St. Gallen, inzwischen wieder beheimatet in der ersten Liga. Damals gab es noch den direkten Vergleich mit Hin- und Rückspiel. Wir durften in der ersten Paarung lebende Legenden sehen: Im Tor Walter Zenga, Guiseppe Baresi als Libero, im Sturm Alessandro Altobelli. Was aber war der Clou? Ex-Bayer Karl-Heinz Rummenigge spielte im Sturm, war ein Jahr zuvor für die deutsche Transfer-Rekordsumme von 10 Mio. Mark zu Inter gewechselt. Und im Mittelfeld dirigierte der irische Nationalstürmer Liam Brady, der mit Rummenigge ein kongeniales Achsenpaar bildete, wenn er nicht gerade verletzt war. Die vielleicht 30.000 Fans in der kahlen Betonschüssel, in die, wenn nötig, schon mal 100.000 passten, sahen mit uns ein einseitiges aber faszinierendes Spiel. Der spätere Bayern-Vorstandsvorsitzende machte beim 5:1-Sieg zwei „Hütten“, auch Altmeister Altobelli traf.

Ohne Sitzkissen wurde es ungemütlich auf nacktem Beton

Trotz der spärlich gefüllten Ränge war die Stimmung prächtig. Schwacher Wermutstropfen: Die Ränge bestanden aus schätzungsweise 50 Zentimeter hohen Betonstufen, auf denen man nicht wie in Deutschland üblich stand, sondern bequem saß. Aber nur, wenn man sich auskannte! Während wir ins Stadion gingen, hatten wir uns noch darüber lustig gemacht, dass die heimischen Tifosi alle ein Sitzkissen unter den Arm geklemmt hatten. Nach über 90 Minuten Sitzen auf hartem und kaltem Beton war uns das Lachen gründlich vergangen.

Die Abfahrt vom unorthodoxen Autobahn-Parkplatz verlief chaotisch. Hupen ohne Ende, weil natürlich nicht alle Fahrer rechtzeitig beim Auto waren und insofern Slalomfahren um geparkte Autos angesagt war.

Wird 2027 fertiggestellt sein: das neue Stadion und ein Bürocenter. (Foto: Pressefoto nuovostadiomilano.com)

Gut 16 Jahre später war ich wieder im Meazza, exakt am 23. Mai 2001. Es war ein magischer Abend beim Champions League-Finale der Bayern gegen den FC Valencia. Nie werde ich die Choreografie der 30.000 Bayern-Fans vor dem Anpfiff vergessen: Im rot-weißen Block hing plötzlich, als die Mannschaft auf den Platz kam, ein überdimensionales Transparent mit der Aufschrift „Heute ist ein guter Tag um Geschichte zu schreiben.“ Die Anfahrt war im Vergleich zu meinem ersten Besuch höchst komfortabel. Mein Freund Greg Fuchs, zu diesem Zeitpunkt beim niederländischen Philips-Konzern für Sponsoring verantwortlich, hatte mich eingeladen, weil ein paar Kunden kurzfristig abgesagt hatten. Von Eindhoven ging's mit dem Flieger nach Mailand und dann mit einem Shuttle-Service direkt ins Stadion.

Die magische Nacht von Mailand

Es war die gigantischste Arena, die ich bis dahin gesehen und erlebt hatte. Das alte Stadion wurde zur WM 1990 in Italien komplett umgebaut. Markant: Die vier hohen Türme an den Ecken und die steilen Tribünen, die bis heute Platz für rund 80.000 Fans bieten. Das Spiel und alles Drumherum waren für mich ein einzigartiges Erlebnis, das ich nie mehr im Leben vergessen werde, an das ich immer noch oft denke. Verbunden mit Gänsehaut! Wir haben einen unbeschreiblichen Fußballkrimi erlebt, den die Bayern nach Elfmeterschießen 5:4 gewannen, nachdem es nach der regulären Spielzeit mit Verlängerung und Toren von Stefan Effenberg sowie Gaizka Mendieta 1:1 stand. Das Elfmeterschießen war zunächst der Horror – aber mit glücklichem Ausgang: Bei den Bayern verschossen die Strafstöße Paulo Sérgio und Patrick Andersson, die Spanier konnten drei Elfer nicht versenken. Als Oliver Kahn den letzten Elfer von Pellegrino hielt, platzte auch bei mir selbst eine emotionale Bombe. Es war die Erlösung! Die Schmach der unglücklichen Niederlage im Barcelona-Endspiel gegen Manchester United zwei Jahre zuvor war mit einem Schlag wegradiert. Nur noch Glücksgefühle!

Bayerns Landesvater Dr. Edmund Stoiber tanzt vor Glück

Ich muss heute noch schmunzeln, wenn ich an den damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Edmund Stoiber denke, der ein paar Reihen unter mir saß und nach dem Schlusspfiff vollkommen durchgeschwitzt wie ein Stehaufmännchen mit hochgerissenen Armen auf seinem Platz umher hüpfte. Bei einer Veranstaltung im Dezember 2018, also 17 Jahre später, haben wir uns im persönlichen Gespräch noch mal ausgiebig zum damaligen Finale ausgetauscht. By the way: Herr Dr. Stoiber ist ein ausgewiesener Fußballexperte mit Detailkenntnissen…

Als wir dann zurück ins Hotel fahren wollten, waren weder der Shuttle-Service, noch ein Taxi oder öffentliche Verkehrsmittel aufzutreiben. Also marschierten wir überglücklich mit den anderen Bayern- und Valencia-Fans über gefühlt zehn Kilometer in Richtung City, wo unser Hotel lag. Es gab damals weder Randale, noch schlechte Stimmung. In jedem Restaurant oder Bistro auf dem Weg zurück wurde gesungen und gefeiert. Im Springbrunnen vor dem Castello Sforzesco haben wir dann mit zig Tausenden Fans bis in die frühen Morgenstunden Party gemacht. Damals nasse – bis heute aber unvergessliche Momente!

Neue Heimstätte für Inter Mailand und AC Milan (Foto: Pressefoto nuovostadiomilano.com)

Apropos Meazza Stadion: Die neue Heimstätte von Inter und Milan wird jetzt auf dem Gelände komplett neu gebaut. Das „alte“ Stadion soll nach den olympischen Winterspielen in Mailand und Cortina komplett abgerissen werden – als notwendiges Areal für ein neues Geschäftsviertel. Darauf haben sich die Stadt als Besitzer und die beiden Clubs geeinigt. Das Projekt „Die Kathedrale“ soll nach dem Entwurf des renommierten amerikanischen Architekturbüros „Populous“ realisiert werden. Die Architekten ließen sich dabei kreativ von der Jugendstil-Galerie Vittorio Emanuelle II. im Zentrum der City inspirieren. Das „neue Meazza“ soll das europaweit nachhaltigste Stadion werden. Die Zuschauerkapazität reduziert sich dann von 80.000 auf 65.000. Zeitpunkt der Fertigstellung: 2027!

Zum Autor:

Tilmann Meuser ist Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft und PR-Agentur CP/CONSULT Consulting Services GmbH, Essen, die u.a. das Newsportal businessnews365.de betreibt. Im Redaktionsteam fungiert er als Chefredakteur.

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